ImperfectPerfection Blog

Blogeintrag #10

Veröffentlicht 02.02.2019

DIE BULLET JOURNAL METHODE UND DAS BUCH VON RYDER CARROLL


Der Untertitel des Buches lautet: „Verstehe Deine Vergangenheit, ordne Deine Gegenwart, gestalte Deine Zukunft.“ Formuliert hat dies und das Buch geschrieben ein Ryder Carroll.

Vielleicht hat der ein oder andere schon von Bullet Journals gehört oder gelesen. Diese haben sich in den letzten Jahren stark verbreitet. In der Regel sind das Notizbücher beispielsweise von Leuchtturm), die mehr oder weniger schön gestaltet sind und zu ganz unterschiedlichen Zwecken genutzt werden können. Und besagter Ryder Carroll hat eine entsprechende Methode entwickelt, die gewisse Strukturen vorgibt, die man für seine ganz eigene Organisation nutzen kann. Die Betonung ist hier auf KANN. Der Vorteil der Methode ist, dass sie sehr viel Freiraum für individuelle Gestaltung gibt. Dies ist aus meiner Sicht auch ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Methode. Denn hier fühlen sich Menschen wohl, die sich durch die festen Strukturen üblicher Organizer und Kalendarien zu sehr eingeengt fühlen und schon viele verschiedene dieser Sachen ausprobiert haben. Das gleiche gilt für die unzähligen Apps, die es mittlerweile gibt.

Es scheint bei diesen Menschen den Trend zu geben, sich ihre eigene Strukturen geben zu wollen und vor allem, im Gegensatz zu den elektronischen Helfern, die Zeit und Muße zu nehmen, handschriftlich Dinge aus ihrem Leben festzuhalten, ihre Termine ebenso zu pflegen, Aufgaben zu erfassen, Tage zu reflektieren.

Und hier schließt auch das Buch an. Man kann sicher behaupten, dass Ryder Carroll eine Entwicklung angestoßen oder zumindest stark unterstützt hat, schon vor einigen Jahren (auf dem blog Lifehacker), die sich heute in Schlagworten wie Achtsamkeit, Intentionalität, Sinnsuche u.ä. wiederfinden.

In seinem Buch widmet Carroll ein ganzes Kapitel der „Unvollkommenheit“. Wie man sich denken kann, habe ich aufgrund meines „ImperfectPerfection“-Ansatzes diesen Abschnitt besonders aufmerksam gelesen. An den Beginn des Kapitels hat Carroll einen Spruch von Leonard Cohen gesetzt, der sehr schön zum Thema passt:“Es ist ein Riss in allen Dingen. Nur so kommt das Licht hinein.“. Und entsprechend setzt sich der weitere Text damit auseinander, inwieweit das Streben nach Perfektion in unserem Leben auf der einen Seite zwar ein guter Treiber sein kann. Andererseits jedoch kann dieses Streben auch zu Unzufriedenheit und selbst Selbsthass führen, nämlich dann, wenn wir die angestrebte Perfektion nicht erreichen und dieses Nichterreichen alles andere auf dem Weg dahin ausblendet und in den Schatten stellt. Ryder Carroll beschreibt es so:

„Wir sind fabelhafte, aber nicht perfekte Wesen - und durch kaum etwas wird das klarer ersichtlich als durch das Erfinden unerreichbarer Maßstäbe, an denen wir uns messen. Sie trocknen unsere Ambitionen nach und nach aus, weil wir die unsinnigen Ideale nicht erfüllen können, die wir uns für unseren Körper, unseren Verstand, unsere Errungenschaften und unsere Beziehungen setzen.

Dass wir nicht perfekt sein können, ist einer der häufigsten Gründe für unseren Selbsthass. Fehlgeleitete Zielgerichtetheit lässt uns unsere Zeit und Energie darauf verwenden, unsere Erfolge zunichtezumachen. Wir vereiteln unsere Pläne, fallen zurück in kontraproduktives Verhalten und nähren unseren inneren Kritiker.

Irrtümlicherweise glauben wir, dass Scheitern die Alternative zur Perfektion darstellt. Zum Glück ist das Leben aber kein binäres System, sondern vergleichbar mit einer Skala. Auf der einen Seite liegt das Unerreichbare: die Perfektion. Auf der anderen Seite befindet sich das Unvermeidliche: Chaos. Sämtliche Schönheit auf Erden liegt irgendwo dazwischen.“

Schön und treffend ist das für mich beschrieben und entspricht auch vielen meiner Gedanken zu ImperfectPerfection. 

Vielleicht ist solch ein Bullet Journal für jene, die sich manchmal damit schwer tun, nicht perfekt zu sein, EINE Möglichkeit ihre Gedanken zu ordnen und auch zu würdigen und positiv zu bewerten?!




Blogeintrag #9

Veröffentlicht 11.11.2018

DIE MEMOIREN VON IRVIN D. YALOM

Dieses Buch liest sich einfach toll. Irvin Yalom schreibt über sein Leben und nimmt den Leser mit in seine Welt. Und dies ist die Welt eines sehr bekannten Psychotherapeuten. Wir erfahren, wie er zu dem wurde, was er war bzw. nun ist. Oder wie er im Untertitel des Buches selber schreibt:“Wie man wird, was man ist.“

Irvin D. Yalom hat viele Bücher im psychotherapeutischen Kontext geschrieben, die oft aber auch philosophische Hintergründe haben, z.B. „Und Nietzsche weinte“ oder „Was Hemingway von Freud hätte lernen können“. Eines seiner wohl bekanntesten Werke ist „Die rote Couch“.

Und in seinen Memoiren erfährt man unter anderem, wie diese Bücher entstanden sind, welche Erlebnisse und Erkenntnisse ihn dazu veranlasst haben. Er schreibt auch viel über seine  Kindheit und seine Gedanken- und Gefühlswelt in Beziehung zu seinen Eltern, aber später dann auch innerhalb seiner eigenen, scheinbar sehr glücklichen Ehe.

Mir hat gefallen, dass Yalom ganz oft über seine Einstellung gegenüber seinen Patienten reflektiert, wie sich diese über die Zeit entwickelt hat und womit er sowohl für sich wie auch für seine Patienten eine Konstellation erschuf, die beide Seiten sich auf Augenhöhe begegnen ließ. Nicht umsonst gilt er als einer der Begründer der Gruppentherapie und der existenziellen Einzeltherapie.

Zu kurz kam mir ein wenig die fachliche Ebene seiner Arbeit. Andererseits muss ich da wohl eher meine Erwartungshaltung hinterfragen. Denn Memoiren sind nunmal Memoiren und keine Fachliteratur.

Ich kann jedem, der nur ansatzweise an Themen der Psychotherapie interessiert ist, dieses gut lesbare Buch empfehlen. Aber auch dann, wenn man einfach nur neugierig auf Lebensgeschichten von besonderen Menschen ist, wird es einem gefallen. Ich jedenfalls bin durch das Lesen sehr neugierig auf seine anderen Werke geworden.

Blogeintrag #8

Veröffentlicht 31.10.2018

ICH HABE ZU VIEL EMPATHIE! HABE ICH?!


Vor einiger Zeit hat mir jemand erzählt, dass es ihn ein wenig plagt, GEFÜHLT zu viel Empathie zu empfinden. Ich habe damals die Aussage einfach mal so aufgenommen. Absichtlich habe ich nicht nachgefragt, wie derjenige denn genau darauf kommt. Ob ihm das vielleicht von anderen gespiegelt wurde. Oder ob er sich manchmal ausgenutzt fühlt. Oder ob es eventuell nur ein diffuses „zu-viel-Mitgefühl-haben“ ist. Ich habe auch nicht gefragt, was derjenige eigentlich selber überhaupt unter Empathie versteht. Ich fand, dass man die Aussage einfach mal so stehen lassen kann! „Ich habe das Gefühl, dass ich ZU empathisch bin.“ Das ist doch mal eine Erkenntnis!

Vielleicht sage ich zu Anfang kurz, was ich unter Empathie verstehe. Das ist eventuell notwendig, um das folgende auch entsprechend einordnen zu können. Ich würde Menschen demnach als empathisch bezeichnen, wenn sie sich in Situationen, Gefühle, Reaktionen anderer Menschen hineinfühlen und diese zumindest verstehen können. Nicht zwingend gehört für mich dazu, dass diese Menschen dann auch adäquat darauf reagieren können müssen. Aus meiner Sicht muss man nicht, nur weil man etwas nachvollziehen kann, auch automatisch die richtige (was auch immer hier richtig bedeutet) Reaktion zeigen können.

Und nun ist hier der richtige Zeitpunkt, auf meinen „Auftraggeber“ für diesen Blogeintrag einzugehen. Ich hatte nachgedacht, wie oben bereits angedeutet, ihn gleich ganz viele Dinge bezüglich seiner Empfindung zu fragen. Aber irgendwas in mir meinte, dass das vielleicht gleich wieder die Vorwegnahme einer vermeintlichen Lösung/Antwort auf diese Frage ist, ohne ausreichend darüber zu reflektieren (bzw. reflektieren zu lassen), wie es überhaupt zu einer solchen Frage kommen kann.

Denn scheinbar ist man mit der beschriebenen Situation nicht zufrieden. Da wird ja nicht einfach gesagt, dass man viel Empathie hat. Sondern jemand sagt, dass er das Gefühl hat, ZU VIEL davon zu haben. Und das sagt er von einer Eigenschaft, von der man eigentlich ja nicht genug haben kann, da es ja was absolut positives ist. Und manch einer wäre froh, überhaupt nur ansatzweise etwas davon zu haben. Oder besser gesagt, müsste manch einer froh sein, etwas davon zu haben. In der Regel merken ja ausgerechnet diese Menschen es eben nicht, dass sie zu wenig emapthisch sind.

Aber zurück zu dem ZU VIEL. Es drängt sich die Frage auf, wie man darauf kommt, dass etwas zu viel ist. Ganz unabhängig davon, worum es geht. Wenn man von etwas zu viel hat, sei es Essen, Trinken, Liebe, Schmerz, Gesellschaft, Geld (okay, das war Spaß) oder was auch immer, dann ist ja scheinbar ein negatives Gefühl damit verbunden. Demnach hat die Sache, die ich als zu viel empfinde, eventuell Folgen, die ich als eher unangenehm empfinde.

Bei zu viel Essen und zu viel Trinken kann man sich die Folgen relativ gut vorstellen. Was aber könnten diese negativen Auswirkungen bei zu viel Empathie sein?! Nun könnte ich viel darüber spekulieren. Doch bräuchte ich ja nur meinen „Auftraggeber“ fragen. Dann wüsste ich gleich, was die negativen Auswirkungen für ihn sind.

Mir geht es aber eher um was anderes. Sozusagen um einen anderen Blickwinkel. Für mich stellt sich die Frage, WOFÜR derjenige diese viele Empathie empfindet! Damit meine ich nicht, für wen oder für was. Sondern die Frage ist, wofür tut er das, also wofür dieses „Empathie-Empfinden“? Er könnte es ja auch lassen. Klingt vielleicht etwas komisch?! Aber es ist ja nicht so, dass sich unser Hirn komplett unserer bemächtigt und dann tut, was es will und wir dem gnadenlos ausgeliefert sind. Auf diesen Fall bezogen also die ganze Zeit Empathie ausschüttet und ausschüttet und ausschüttet, egal ob wir wollen oder nicht. Meist gibt es ja gute Gründe für das, was wir tun. Und vielleicht wäre hier eine Frage von mir an den Empathieausüber: Was glaubst Du, wofür es gut ist, dass Du immer wieder diese Empathie empfindest und das ja vermutlich auch nach außen signalisierst und die jeweils andere Seite spüren lässt. Und Du das selbst dann machst, wenn Du scheinbar glaubst, dass es zu viel des Guten (im wahrsten Sinne) ist. 

Und hier müsste ich nun wirklich anfangen mit spekulieren, da ich für ein weiterführendes Gespräch eine Antwort auf diese Frage bräuchte. Spontan fallen mir ganz unterschiedliche potentielle Antworten ein. Vielleicht ist man einfach neugierig, was passiert, wenn man signalisiert, dass man versteht. Dann erfährt man vielleicht mehr von dem Problem des anderen. Oder man möchte einfach ein guter Mensch sein. Oder man hat ein schlechtes Gewissen, wenn man es nicht ist?! Oder man ist so gut erzogen und denkt, sowas tut man einfach. Oder man kann nicht nein sagen, obwohl man gern möchte, und lässt seiner Empathie freien Lauf?! Oder oder oder... Eine Menge an Möglichkeiten und Antworten, die sich hieraus ergeben und den weiteren Weg zur Beantwortung der Frage ebnen könnten, warum man denkt, dass man ein ZU VIEL an Empathie ausübt. Man müsste sich dann auch anschauen, was die Folgen meiner Empathie-Ausübung sind. Denn diese scheinen ja zu dem Gefühl zu führen, dass ich es doch nicht ganz so toll finde, immer wieder sehr empathisch zu sein. Der Fokus ist also auf die Folgen meines wie auch immer gearteten Verhaltens zu richten. 

Und vielleicht ist das nun doch ein etwas anderer Ansatz, als wenn ich gleich am Anfang gefragt hätte, warum denn derjenige denkt, dass es zu viel ist. Oder?


P.S.: Kleiner Nachtrag - mittlerweile ist der Austausch mit meinem "Auftraggeber" weiter gegangen und es gibt viele interessante Erklärungsversuche und -möglichkeiten. Richtig spannend! Zu viel und zu persönlich für den Blog. Der Artikel zeigt einfach den Beginn eines Austausches zu dem Thema. Wen beschäftigen ähnliche Dinge?

Blogeintrag #7

Veröffentlicht 21.08.2018

TOLLE PODIUMSDISKUSSION ZU "FREIHEIT" UND "WÜRDE" MIT GERALD HÜTHER BEIM PALAIS SOMMER

Gestern habe ich es dieses Jahr erstmalig zum Palais Sommer in Dresden geschafft. Der Grund war ein guter! Gerald Hüther, über den ich hier vor kurzem geschrieben hatte, war Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema "Freiheit" und "Würde". Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern (Tim Niedernolte, Autor von "Wunderwaffe Wertschätzung"; Jeannette Hagen, freie Autorin und Aktivistin in der Flüchtlingshilfe; Janice Jakait, Extremsportlerin und Beraterin) gelang es, diese Themen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und mit interessanten Facetten zu beleuchten. Die Inhalte hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Aber einen ersten Eindruck erhält man über diesen Beitrag im Sachsen Fernsehen. Alle Autoren haben auch entsprechende teilweise ganz aktuelle Veröffentlichungen zum Thema. Es lohnt sich! Die Anregungen waren vielfältig. Und was sich ganz sicher ebenso lohnt: Ein Besuch beim wundervollen und hoffentlich noch viele Jahre andauernden jährlichen Palais Sommer am Japanischen Palais in Dresden.

Blogeintrag #6

Veröffentlicht 21.08.2018

ZERTIFIKAT MEIHEI 

Es ist vollbracht! Nach fast 2 Jahren (inkl. der Supervisionen) habe ich die Ausbildung zum Hypnosystemischen Coach bei Gunther Schmidt abgeschlossen. Ein toller Moment!

Ich habe dort liebevolle und lustige Menschen kennengelernt und hoffe, dass ich zu denen, die mir besonders ans Herz gewachsen sind, noch lange Kontakt haben werde.

Ganz besonders möchte ich mich aber bei Gunther bedanken. Er hat mich noch einmal neue Horizonte entdecken lassen, von denen ich nicht ahnte, dass es sie für mich gibt.

Blogeintrag #5

Veröffentlicht 05.08.2018

EIN SONG

Arcade Fire - Bei ihnen habe ich immer dieses ImperfectPerfection-Gefühl. Texte, Musik, Videos, ganz oft Mischungen aus Melancholie, Aufbruch, Tanzen, Orientierung.

Ready to Start
Businessmen drink my blood
Like the kids in art school said they would
And I guess I'll just begin again
You say you, can we still be friends
If I was scared
I would
And if I was bored
You know I would
And if I was yours
Well I'm not
All the kids have always known
That the emperor wears no clothes
But to bow to down to them anyway
Is better than being alone
If I was scared
I would
And if I was bored
You know I would
And if I was yours
But I'm not
Now you're knocking at my door
Saying please come out against tonight
But I would rather be alone
Than pretend I feel alright
If the businessmen drink my blood
Like the kids in art school said they would
Then I guess I'll just begin again
You say you can still be friends
If I was scared
I would
And if I was pure
You know I would
And if I was yours
But I'm not
Now I'm ready to start
If I was scared
I would
And if I was pure
You know I would
And if I was yours
But I'm not
Now I'm ready to start
Now I'm ready to start
I would rather be wrong
Than live in the shadows of your song
My mind is open wide
And now I'm ready to start
Now I'm ready to start
My mind is open wide
And now I'm ready to start
Your mind surely opened the door
To step out into the dark
Now I'm ready

Blogeintrag #4

Veröffentlicht 28.07.2018

BAHNUNGEN

Heute war ich mal wieder joggen. In letzter Zeit laufe ich eine immer ziemlich gleiche Strecke. Einen Kilometer bis zum kleinen Waldpark, dort 3 Runden á 2 km und wieder zurück. 

Allerdings war es heute anders. Ich bin ausnahmsweise von der Wohnung meiner Partnerin aus losgelaufen. Sie (also ihre Wohnung) liegt ca. einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt und lustigerweise muss ich an meiner Wohnung vorbei laufen, um wieder in den Park zu gelangen. 

Es ging dieses Mal etwas schwer am Anfang, was ich aber dem momentan sehr warmen Wetter zurechnete. Normalerweise legt sich das bei mir nach zwei- bis dreihundert Metern. Doch heute war es anders. Irgendwie dachte ich, das mit mir und dem Lauf...das wird heute nix. Dann kam ich an meiner Wohnung vorbei und bog auf meinen üblichen Weg ein. Und was soll ich sagen! Sie wissen was jetzt kommt, oder? Genau! Plötzlich wurden meine Beine leichter, es ging gut vorwärts und ich fühlte mich wohler und wohler. Im Park angelangt, war dann alles richtig gut. 

Auf meinen 3 Runden im Park kam ich natürlich ins Grübeln, was das jetzt bedeuten konnte. Und da kam mir die „Bahnungstheorie“ von Hüther (die ich jetzt mal so nenne, er sicher nicht) in den Kopf. Ich hatte in der letzten Zeit 3 seiner Bücher gelesen (und erst vor einigen Tagen hier im Blog darüber geschrieben) und so ging ich gedanklich beim Laufen ein wenig durch die vielen guten Gedanken Hüthers zu Bahnungen. 

Er beschreibt u.a., dass sich unser Gehirn stark entsprechend der Prägungen entwickelt, die wir sowohl in der Kindheit aber auch noch weiter als Erwachsene erhalten bzw. uns selber geben. Bei der (Weiter-)Entwicklung unseres Gehirns hängt also vieles davon ab, womit wir uns tagtäglich beschäftigen, mit welchen Menschen wir uns regelmäßig umgeben, in welchen Situationen wir wiederholt sind etc. Und je nachdem wie relativ fix oder variabel all dieses ist, umso mehr oder weniger werden Bahnungen in unserem Gehirn geschaffen. Und je stärker diese Bahnungen, sprich je fixer unser tägliches Tun und Handeln ist, umso tiefer und fester und breiter werden diese Bahnungen. Der positive Effekt dabei ist, dass wir diese täglichen Aktivitäten umso leichter absolvieren können und umso weniger strengen sie uns an. Weniger schön jedoch ist, dass wir uns immer schwerer tun, diese Bahnen wieder zu verlassen und andere Dinge zu tun als gewöhnlich oder auch mal andere Situationen als die üblichen zu bewältigen.

Wir alle kennen das aus dem beruflichen oder privaten Umfeld. Wieviele Kollegen habe ich im Laufe meiner Berufsjahre kennengelernt, die über Jahre oder sogar Jahrzehnte mehr oder weniger die gleichen Arbeiten, mit den mehr oder weniger gleichen Kollegen, in den mehr oder weniger gleichen Räumen hinter sich gebracht haben. Sie wurden in dem was sie taten immer besser, schneller und professioneller. Und vielen gab und gibt eine solche Situation einfach auch Sicherheit und Zufriedenheit. Es strengt irgendwann auch immer weniger an. Dagegen ist nichts zu sagen. Das hat für viele lange funktioniert. Doch nun sind die Zeiten leider oder zum Glück so, dass vieles sich oft und sehr schnell ändert. Was gestern richtig war, kann schon heute falsch sein und, was einen erst recht ganz durcheinander bringt, übermorgen schon wieder richtig. Die „großen“ Unternehmenslenker fahren auch nur „auf Sicht“. Das klingt nicht gerade nach Sicherheit und Orientierung.

Und nun denken wir wieder an die Bahnungen von Hüther. Was passiert bei den oben beschriebenen Menschen, wenn vieles plötzlich nicht mehr ist wie es war. Wir wissen es alle selber. Wir schauen vorsichtig und ängstlich aus den in unserem Gehirn tief eingeschnittenen und ausgetretenen Rinnen und Bahnen, deren Begehen plötzlich nicht mehr zum „richtigen“ bzw. gewollten Ergebnis führt. Oder andere zwingen uns von außen, die breiten Bahnen zu verlassen und plötzlich auf kleinen, verwachsenen, unbekannten Pfaden zu wandeln. Natürlich erzeugt das Unsicherheit und vielleicht auch Angst, Abwehr, Vermeidungsstrategien u.ä. Wir kennen das alle aus den mittlerweile allseits bekannten sogenannten Change-Projekten. Trainer erzählen uns, welche Phasen dabei durchlebt werden und dass am Ende alles gut wird (oder die nicht mehr passenden Mitarbeiter entlassen sind).

Aber was kann man tun, um gar nicht erst in eine solche Situation zu kommen? Das sagen uns die Trainer nicht. Wie auch, sie sind immer zu spät da. Und da komme ich zurück zu meiner Laufrunde. Wie ungewohnt fühlte sich dieser erste Kilometer an, wie unwohl fühlte sich mein Körper. Ich könnte nun, immer wieder diesen neuen ersten Kilometer laufen, um auch diesen in meinen Körper und mein Hirn zu bahnen. Das hilft zumindest für diesen neuen Abschnitt. Aber was ist, wenn ich mal wieder von woanders anfangen möchte zu laufen, oder sogar muss. Ich mochte dieses erste Unwohlsein einfach nicht. Ich mag mich gleich gut fühlen, egal, ob ich auf gewohnten oder neuen, ungewohnten Wege laufe. Naja, die Lösung liegt nahe, oder? Wir üben und trainieren einfach das, was uns erstmal nicht wohl fühlen lässt. Und wir trainieren es einfach so oft und so lange, bis es uns keine Angst oder Unsicherheit beschert. Das Ungewohnte wird zum Gewohnten. Und wer weiß?! Vielleicht findet man auf diesen ungewohnten Wegen und Gebieten plötzlich etwas, was viel schöner und interessanter ist, als das was man kennt. Das wäre ja verrückt. Und um wieviel schöner könnte es dann sein, auch mal wieder zum Alten und Gewohnten zurückzukehren.

Ich ändere zukünftig also einfach proaktiv regelmäßig meine Laufrunden. Die Veränderung wird normal. Und ich fühle mich wohl, in dem was normal ist, werde neugierig und bekomme Spaß am Entdecken neuer Runden zum und im Waldpark. Stimmt’s?

Blogeintrag #3

Veröffentlicht 22.07.2018

GERALD HÜTHER UND DREI SEINER BÜCHER AM STÜCK

Durch Gunther Schmidt und die Ausbildung bei ihm zum hypnosystemischen Coach bin ich auf Gerald Hüther gestoßen. Gunther meinte, dass er durch die neueren Entwicklungen in den Neurowissenschaften und insbesondere auch durch Hüther viele Techniken aus seinem hypnosystemischen Handeln bestätigt sieht. Zudem zeigen viele Ergebnisse der Hirnforschung  auf, was Gunther in seiner jahrelangen praktischen Erfahrung bereits intuitiv erahnt oder eben auch schon gewusst hat.

Nach dem Lesen der limitierten Sonderausgabe mit den Titeln „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“, die „Biologie der Angst“ und „Die Macht der inneren Bilder“ (einzeln gibt es die Bücher wohl meines Wissen gar nicht mehr) kann ich zumindest bestätigen, dass sich vieles von dem von Hüther geschriebenen nahtlos einfügt in das, was ich bei Gunther gelernt habe. Es passt einfach perfekt zusammen. Hüther kann anhand seiner Forschungen vieles belegen, was gerade im hypnosystemischem Umfeld an Annahmen über menschliches Handeln existiert. Er weist beispielsweise nach, dass sich das menschliche Hirn auch im Alter noch weiter entwickeln kann. Dies entgegen der früheren Annahme, dass bei älteren Menschen keine Weiterentwicklung möglich wäre bzw. dass diese sich nicht mehr ändern könnten. Weiterhin bestätigt er die Hypothese, dass jeder Mensch seine eigenen Konstruktionen im Kopf hat, niemand wirklich weiß, was in dem anderen vorgeht und jedes Hirn jedes einzelnen Menschen tatsächlich individuell ist. Selbst Zwillinge, die im absolut selben Umfeld aufwachsen, haben letztendlich völlig unterschiedliche Gehirne und demnach auch verschiedene Konstruktionen. Hüther erklärt auch wunderbar an vielen Beispielen in welchen Situationen wir Menschen (besser gesagt unser Gehirn) auf ganz alte Muster zurückgreift. Auf Muster, die entweder in unserer ganz frühen Kindheit liegen, aber auch auf Muster, die eventuell von unseren Eltern und Großeltern stammen. Und natürlich fehlen auch nicht die „üblichen“ Jahrtausende alten Muster wie Flucht, Angriff, Totstellen und ähnliches. Ganz wesentlich fand ich auch den Punkt, dass Menschen auf diese teilweise selber gemachten Erfahrungen und daraus entstandenen Muster, wenn sie denn einmal in ihrem Gehirn sind (und vielleicht nicht nur da, sondern in allen Nervenbahnen), immer wieder zurückgreifen können. Und dies selbst dann, wenn ihnen diese gar nicht mehr so wirklich bewusst sind. Das ist natürlich sowohl in ungewünschte wie auch gewünschte Richtungen möglich. Mit der letzteren arbeitet man ja sehr oft im Rahmen von hypnosystemischen Methoden.

Für Menschen, die sich mit diesen Themen schon länger beschäftigen, sind das vielleicht keine ganz neuen Erkenntnisse. Allerdings erklärt es Hüther nicht aus Erfahrungen in der psychiatrischen, psychologischen oder therapeutischen Praxis, sondern anhand sehr klarer wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Und das macht für mich den Unterschied, der den Unterschied macht. Wie oft trifft man auf Menschen/Klienten, die beim Hören des Wortes „hypnosystemIsch“ erstmal etwas die Augen verdrehen oder an esoterischen Hokuspokus denken. Oder man denke an sehr strukturierte, wissenschaftlich orientierte Menschen, die sich mit dem ein oder anderen Tool erst einmal schwer tun. All jenen kann man die Modelle und Möglichkeiten der hypnosystemischen Welt mit Hilfe Hüthers auch anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse und Fakten erläutern und die ersten eventuell vorhandenen Berührungsängste nehmen.

Die Bücher im einzelnen sind relativ schmal und gut lesbar. Eine wirkliche Stärke Hüthers ist meiner Meinung, dass er komplizierte Sachverhalte in sehr gut verständlichen Sätzen erläutert. Vieles bleibt hängen aufgrund gut gewählter Beispiele. Und er bringt die Dinge klar und prägnant auf den Punkt, perfekt zitierfähig und für mich ganz viele Merksätze. Ich musste mir einiges anstreichen, was ich auf jeden Fall nicht vergessen und noch einige Male wieder lesen will.

Wer nicht ganz so viel Zeit hat, dem sei aus meiner Sicht empfohlen, zumindest die beiden oben erstgenannten Bücher zu lesen. Das dritte, „Die Macht der inneren Bilder“, ist zwar ebenso gut und interessant geschrieben wie die beiden ersten. Jedoch wiederholt sich hier einiges von den beiden zuvor.

Allerdings hält Hüther in seinen Büchern auch eine für manche vielleicht bittere Wahrheit nicht zurück, wenn er sagt: „…trifft man mit der Entscheidung, wie und wofür man sein Gehirn benutzen will, immer auch eine Entscheidung darüber, was für ein Gehirn man bekommt. Das ist eine recht unangenehme, weil äußerst unbequeme Erkenntnis, aber so funktioniert unser Gehirn nun einmal. Wir besitzen kein zeitlebens lernfähiges Gehirn, damit wir uns damit bequem im Leben einrichten, sondern damit wir uns mit Hilfe dieses Gehirns auf den Weg machen können, nicht nur am Anfang, sondern zeitlebens. Selbstverständlich haben wir die Freiheit, jederzeit dort stehenzubleiben, wo es uns gefällt, und fortan nur noch diejenigen Verschaltungen zu benutzen, die bis dahin in unserem Gehirn entstanden sind. Da diese Veschaltungen aber dann umso besser und effizienter gebahnt werden, je häufiger wir sie immer wieder auf die gleiche Art und Weise benutzen, kann daraus sehr leicht die letzte freie Entscheidung geworden sein, die wir in unserem Leben getroffen haben. Wenn wir unser Gehirn auf diese Weise erst einmal selbst erfolgreich für eine ganz bestimmte Art seiner Benutzung programmiert haben, läuft der Rest, wenn nichts mehr dazwischenkommt, von allein ab. Bis zum Ende. Die Möglichkeit zur Ausbildung einer programmöffnenden Konstruktion, zur umfassenden Nutzung und komplexen Ausformung eines menschlichen Gehirns ist dann vertan.“ (aus „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ S. 119/120).

In diesem Sinne, vertun Sie nicht diese Chance und lesen Sie ein Buch, vielleicht sogar eines von Gerald Hüther.

Blogeintrag #2

Veröffentlicht 13.04.2018

THOMAS MELLE „DIE WELT IM RÜCKEN“


Vielleicht ist das Buch und damit das Leben des Autors nicht ansatzweise perfekt, und vielleicht trifft es auch imperfektperfekt nicht. Nur Thomas Melle selber wird das beantworten können. Ganz sicher ist das Buch aber ein Beispiel dafür, dass niemand darüber urteilen kann, wann ein Leben (eines anderen) richtig oder falsch ist. Autobiographisch wird hier beschrieben, wie es sich anfühlt, an einer bipolaren Störung zu leiden. Melle beschreibt ausführlich die gegensätzlichen Phasen und wie „normal“ es sich anfühlt, zum Beispiel in der manischen Phase die verrücktesten Dinge zu tun. Und wie furchtbar es ist, in der depressiven Phase dann erkennen zu müssen, was man teilweise angerichtet hat. Dies alles beschreibt er so intensiv und wortstark, dass ich regelrecht reingezogen wurde in sein Erleben. Dies zweifellos jedoch ohne auch nur ansatzweise nachvollziehen zu können, was diese Krankheit wirklich für einen persönlich bedeutet und mit einem selber macht.

Was ich jedoch mitgenommen habe, ist eine auch im Coaching für mich immer wieder starke Erkenntnis. Niemals können wir wissen, was wirklich im Kopf und in den Gedanken unseres Gegenübers stattfindet. Wir können immer nur versuchen zu deuten anhand von beobachtbarem Verhalten und offenen, vorurteilsfreien Fragen. Jeder hat einfach seine eigene Wahrheit im Kopf. Und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass auch diese die richtige ist.

Blogeintrag #1

Veröffentlicht 05.02.2018

INTRO

Perfektion soll heute überall sein. Es fängt schon vor der Geburt an. Die Babys im Bauch sollen bereits perfekt umsorgt sein. Nur die ärztlichen Untersuchungen reichen heute dafür nicht mehr aus. Das ungeborene Kind soll bereits mit schöner Musik im Bauch entsprechend „vorgebildet“ werden. Bald werden wir auch aufgrund genetischer Forschung in der Lage sein, das Baby perfekt aussehen zu lassen. Weiter geht es mit der Geburt. Hier suchen wir nach einem Umfeld, dass dem Baby den perfekten Eintritt in die neue Welt ermöglichen soll, beispielweise in Form eines warmen Bades bei der Wassergeburt, dem geplanten Kaiserschnitt oder ähnlichem. Läuft das knapp einjährige Kind dann noch nicht ganz so perfekt wie all die anderen Kinder in seinem Alter, machen sich die Eltern schon erste Sorgen. Und so geht es bereits im Kleinkindalter weiter. Der Kindergarten wird entsprechend ausgesucht, der Kindes-Freundeskreis soll möglichst auch schon den Weg bahnen für später und möglichst eine Fremdsprache sollte es schon vor dem Schuleintritt sein. In der Schule wird es dann nicht besser. Eltern würden am liebsten den Unterricht übernehmen, wenn eine Lehrkraft vermeintlich nicht perfekt unterrichtet. Und sobald das Kind in dem ein oder anderen Fach schwächelt, wird der Druck erhöht, Nachhilfe organisiert und so gern darüber reden möchte man eigentlich gegenüber Freunden und Verwandten auch nicht. Sollte der Übergang aufs Gymnasium nicht gelingen, ist die Perfektion vollends hin. Für manche Eltern wie auch für die betroffenen Kinder ein tiefer Bruch im Selbstwertgefühl. Aber selbst wenn der Übertritt ins Gymnasium gelingt. Dann geht das Streben nach Perfektion nur noch ungehemmter weiter. Und gleich danach Studium ... Fortsetzung folgt mit dem ersten Job.

Parallel wird am Außenbild gearbeitet. Die sozialen Medien sollen uns zeigen wie wir sind, also wie wir wirklich sind. Oder sein wollen?! Und auch hier die Suche nach dem Bild ohne Makel, egal ob als Selfie oder vom Essen oder vom traumhaften Urlaubsstrand.

Soll ich weitermachen? Sie wissen selber, wie es weiter geht.

Und sie wissen auch, dass es verdammt anstrengend ist. Für diejenigen, die diese Perfektion leben genauso wie für jene, die diese Perfektion anstreben und aus ganz unterschiedlichen Gründen vermeintlich nicht erreichen (Aussehen, finanzielle Mittel, Lebensmittelpunkt, Verpflichtungen für andere etc.). 

Manchen gelingt es einfach besser, mit diesem fast überall spürbaren Streben umzugehen, manchen eben aber auch nicht. Und die Frage ist doch auch, IST das alles genauso. Oder kommt es uns nur so vor.

Das ist ein unendlich weites Feld. Sowohl für mich persönlich, sicher aber auch aus dem Beratungskontext heraus. Und die Gedanken zu diesen Themen haben mich zum Namen dieser Seite geführt. Was ist Perfektion, was ist perfekt und wer legt das fest? Kann nicht jeder seine "eigene Perfektion" finden und wenn,  wie kann dies geschehen. Und dann ist es vielleicht eine "imperfect perfection", wobei imperfect hier nicht für unvollkommen oder unvollständig steht, sondern (frei nach Bateson) im besten Falle für einen Unterschied der einen (individuellen) Unterschied macht.